eine lunge ohne zähne

sie waren es: die apokalyptischen reiter! ihre widerlichen gesichter blähten sich im wind auf und stülpten sich über sich selbst, so dass man sah, welche ekelhaften innereien sie in sich trugen. und nein, es waren nicht drei, wie man gemeinhin immer annahm, es waren ihrer tausende! sie gallopierten direkt auf ihn zu und schlugen ihm ihren faulen atem in sein gesicht!
er aber, der held dieses jahrtausends, er allein bot ihnen die stirn und brüllte so laut und ausdauernd er konnte in ihr faule phalanx. und nach stunden der anstrengung hatte er es geschafft: sie entflohen tatsächlich vor der kraft seiner lungen und er konnte sich endlich, ermattet ob seinem eigenen anstrengenden geschrei, dem schlafe hingeben.
und wir dankten zu gott dem allmächtigen, dass die magenzäpfchen und die bauchmassage geholfen hatten, seine blähungen in goldgelben sprudel zu verflüchtigen.

Akron/Family/Geburtsvorbereitung

Nachdem ich mit meiner Frau zusammen während unserem allwöchentlichen Geburtsvorbereitungskursus gezeigt bekommen hatte, wie man richtig atmet um Presswehen zu unterstützen, gingen wir mit Klaus und Birgit (Namen von der Redaktion geändert) noch eine Kleinigkeit essen und mussten uns ab diesem Zeitpunkt über Windelwickeltechniken, Kitaanmeldungen und die unglaublich langweiligen Berufe dieser unglaublich langweiligen Menschen unterhalten. So, dass wir uns heute ernsthaft überlegen nach "Eltern mit einem Leben" in den hiesigen Stadtzeitschriften zu inserieren, denn über kurz oder lang muss man sich ja mit den Anhängseln der lieben kleinen beschäftigen. Bestimmt. Das schlimme am Kinderkriegen ist nicht die Sache an sich, sondern die Leute, die sich wie ein Rattenschwanz an dieses Erlebnis mit einer gleichsam dumpfen Penetranz anfügen, die einen nicht nur mit garnicht immer so gut gemeinten Ratschlägen nerven, sondern das Kindkriegen und Elterndasein als gesellschaftsethisch zu begutachtende Tätigkeit einstufen.
Das richtige Verhalten diesbezüglich wird mit der stinkenden Vernunft einer sich selbst disziplinierten Oberlehrerattitüde vorausgesetzt, die das Häuschen im Grünen und einen selbstverständlich drogenlosen Alltag mitdenkt. Nicht nur die verstohlen- ungläubigen Seitenblicke Klaus und Birgits, als ich mir eine Zigarette anzündete, ich erinnere mich auch an ihre weit aufgerissenen, ungläubigen Augen, als ich ihnen beim Zahlen der Rechnung eröffnete, dass ich es eilig hätte, ich wolle noch zu einem Konzert. Offensichtlich waren sie geschockt, dass ich einerseits imstande war, meine schwangere Frau bei ihnen sitzen zu lassen, andererseits überhaupt auf Konzerte gehe ("Konzert? echt? Cool!"). Ich, gleichsam geschockt von der Existenz dieser Amöbenintelligenz, die sich nur auf das Thema Einkommen und Fortpflanzung zu konzentrieren vermag, wurde dann endlich nach meinem Abgang aus dem Café nach einem psychedelisch beflöteten Anfangsgeraschel im Studio 672, während dessen ich noch Zeit hatte einem Freund von dem traurigen Erlebnis zu berichten, plötzlich aus der Depression gerissen und von da ab ging es bergauf:

Selten habe ich so freie, dabei technisch so versiert spielende Künstler gesehen. Es war zu jeder Zeit des Konzertes spannend, was auf der Bühne passierte. Kein Thriller im Kino hat mich jemals so bannen können, wie diese Darbietung. Egal ob es ellenlange Southern-Rock-Soli waren, Black Sabbath- Bassläufe, gepaart mit Terry Rileyschem Synth-geblubber, unbarmherzig hart dahingeprügelt, am Ende aber aufgelöst in dreistimmigem Männerchor, Hippieweisheiten säuselnd und eine an Afro-Pop gemahnende Gitarre einleitend, die am Ende der Tour in minutenlanges Feedbackgepiepe münden sollte, das aber nicht einfach Feedback war, oh nein, es war eine Feedbacksymphonie, unterstützt mit Flöten, Pfeifen und Teremin, sich immer weiter entwickelnd und ausufernd, eine Pfeiforgie, deren Reiz darin lag, dass das Pfeifen sich - je nach Einsatz der Instrumente - mal wie eine Feuersirene, dann wieder wie das Singen eines Kindes anhörte, die Musiker waren stets hochkonzentriert auf ihre Instrumente, auf die Schwingungen in dem engen Kelleraum des Studio 672, aber immer so frei in ihrem Tun, dass sie Alles um sich herum benutzen würden um der Musik gegebenenfalls eine neue Komponente hinzuzufügen, egal ob sich eine herumstehende Wasserflasche oder ein gesampletes Pfeifen aus dem Publikum anbieten würde, um die Realität des Moments interessant zu halten. Die musikalische Freiheit, die von diesen leuten ausging, hatte schon fast etwas Beängstigendes. Begriffe von einer "Universalsprache" und ähnlichem Hippiegedöns schossen mir durch den Kopf, mein Grinsen tat mir irgendwann im Gesicht weh und die ungläubig- begeisterten Blicke meines Kumpels beantwortete ich mit einem gleichsam ungläubigen Schulterzucken. Nach ca eineinhalb Stunden kam die Zugabe vor ca sechzig Gästen, deren Begeisterung durch mehrere freundliche Gesten seitens der Band aufgefangen wurde. Am Ausgang unterhielt ich mich beim anschließenden Plattenkauf mit dem Tourbegleiter: Die Band kam wohl in Teilen aus New York (komischerweise war er sich allerdings nicht ganz sicher) und aus anderen Teilen der USA, er selber aus Prag. Also scheint es sich um eine Fernbeziehung zu handeln, was insofern erstaunlich ist, als daß ihre komplexe Musik nur extrem probenintensiv auf die Bühne zu bringen ist. Wie dem auch sei, dieses Happening wird mich in meinen Gedanken noch lange begleiten und ich werde meinem Sohn bestimmt davon erzählen.

Übertragungen

Nach dem Urlaub ist es immer schwer sich, in den heimischen Gefilden hart aufschlagend, zu einem glücklichen Menschen zu denken. Aber diesmal ist es irgendwie einfacher als sonst. Keine Ahnung woran das liegt. Vielleicht an der Güte des Urlaubs, vielleicht an der positiven privaten Situation, die mich bescheint wie warmer Sonnenschein nach einem Jahrhundert nasskalten Regens. Die S-bahn stinkt garnicht so schlimm und die Menschen darin scheinen auch nicht suizidgefährdet. Sehr schön! An der Haustür angekommen, ist der Schlüssel für selbige besonders leicht hinter dem äußeren Reißverschluss der eben noch als Handgepäck klassifizierten Tasche zu finden. Sehr gut! Im Hausflur dann macht sich aber Verwunderung breit: Zieht schon wieder einer aus? Haben doch erst in dem Monat, in dem wir abreisten, in drei Wohnungen die Mieter gewechselt! Missmutig dreinblickende Männer heben Kartons die Treppe hinunter und versperren uns den Weg. Unsere Koffer müssen erstmal warten!
Nachdem wir später unser Gepäck geleert haben und nichts Essbares mehr in unseren Schränken finden können, entscheide ich mich für einen Gang in den Supermarkt. Auf der Treppe begegne ich einem zerknirschten Menschen, den ich kenne: Zuletzt noch sah ich ihn in einer der neu bezogenen Wohnungen mir ein Bier reichen. Eine kleine Einweihungsparty, zu der alle Bewohner des Hauses eingeladen waren. Seine Freundin, eine gut verdienende Rechtsanwältin, die mir ungefragt ihre neuen Vorhänge im Schlafzimmer zeigte, die „dichtesten“, die sie finden konnte, schien die Kommunikativere von den Beiden. Auch unser Schlafzimmer geht in den Hof hinaus und hinter meinem verständnisvollen Lächeln verstand ich ihre ausufernde Beschreibung als dezenten Hinweis darauf, dass unsere Vorhänge unvollständig seien, ja, wir sogar von ihrer Seite des Hinterhofes aus zu beobachten wären, wenn wir die Dinge tun würden, für die ein Schlafzimmer im allgemeinen dient. Ich kann mich getäuscht haben, aber trotzdem fiel mir auf, dass mich die detaillierte Einführung in das Wesen und die Funktion ihrer Vorhänge nicht im geringsten interessierte, mir es sogar ein wenig peinlich war, in ihrem Schlafzimmer zu stehen und die von ihr viel gerühmten Produkte einer bekannten schwedischen Möbelfirma bewundern zu müssen.
Die freundliche aber ständige Schweigsamkeit ihres Freundes an diesem Abend schien aber kein normaler Zustand zu sein, denn während unserer Begegnung auf der Treppe ergreift er das Wort als erster- mein Blick will eigentlich nicht mehr als „Hallo“ sagen, doch er antwortet auf meine nicht gestellte Frage. „Wir haben uns getrennt!“

Das ist natürlich für ein Paar das erst vor kurzem eine Wohnung frisch bezogen hat kein idealer Zustand. Das wird wohl jeder begreifen, der irgendwann mal umgezogen ist. Mein mitleidiges Lächeln ist mir peinlich, da ich den guten Mann ja kaum kenne. Und so suche ich in meinem Kopf nach einer nicht allzu dumm klingenden Wendung, einer Floskel, die es mir ermöglicht irgendwas zu sagen, das ihn und mich selbst nicht als vollkommene Idioten da stehen lässt. Wir nicken uns eine Weile bedeutungsschwanger zu und suchen nach Worten, die Abhilfe aus unserer unangenehmen Situation bieten könnten. Denn letztlich weiß ich ja, dass er weiß, was ich weiß: Es gibt nichts zu sagen, denn unsere Bekanntschaft beschränkt sich auf Oberflächlichkeit. Dennoch breche ich mutig das Schweigen mit „Das tut mir sehr Leid!“ Ich hätte natürlich auch „wahnsinnig Leid“ sagen können, aber das kommt mir zu distanzlos und gerade in Zusammenhang mit dem Verlassen werden sollte man den Hinweis auf krankhafte psychische Zustände eventuell vermeiden. Man weiß ja nie...
Immerhin, diese Worte fallen aus meinem Mund wie ein mit Blei gefüllter Rettungsanker, denn seine Entgegnung ist vorprogrammiert: „Geht schon!“
So schrecklich konventionell diese Unterhaltung, so soll es auch mein Abschied sein! Ich will gerade die Hand zum Abschiedsgruß heben, da geschieht etwas sehr Merkwürdiges. Er tut etwas, das die Situation in ihrer Unerträglichkeit verlängert. Er sagt: „DAS WIRD SCHON WIEDER!“ und klopft mir dabei brüderlich auf die Schulter, als wenn ICH der Verlassene wäre - als wenn er sich wünschen würde, ich hätte diese Form des Beileids aus meinem armen verzweifelten Hirn hervorgekramt, um die gesellschaftliche Barriere zwischen uns nieder zu reißen, ja, um unser beider Männersein als Anlass zu nehmen, die Übertragung, oder zumindest die Teilung des Trennungsschmerzes anzubieten und nun muss er, nachdem ich mich zu dieser Geschmacklosigkeit in keinem Falle hinreißen lassen werde, es eben selbst sagen: Die Heilungsfloskel. Ich habe noch nicht wirklich begriffen, was da passiert, da sprudelt es wie automatisch aus meinem blöde grinsenden Mund:
„Ja sicher, vielen Dank!“
Dann drehe ich mich nur mehr völlig irritiert um und gehe die Hand zum Gruß gehoben aus der Haustür. Erst zwanzig Meter später begreife ich, was da gerade passiert ist und laufe knallrot an.

Mitleid.

Erstaunlich, wie hell so ein Körper sein kann. Wie angemalt. Mit zähflüssiger Lackfarbe angemalt. Der Grundton weiß, vielleicht leicht abgetönt mit einem Schuß ins Gelb. Oder Braun. So glatt und durchgängig angemalt. Da ist kein Fehler, keine Lücke in der Oberfläche. Man sucht ja fast nach Riefen oder Falten, die das Alter anzeigen würden. Aber da ist nichts. Die Muskeln sind definiert, wie es so schön heißt, sie spielen sich als leichte Verwerfungen auf. Eine Landschaft aus sanft auf- und absteigenden Hügeln, die nichts fordert, auf nichts verweist, einfach ist.
Seine Bewegungen sind durchaus zackig. Von geradezu militärischer Präzision. Wahrscheinlich duscht er sein ganzes Leben schon so: rechtes Bein hinten, rechtes Bein vorn. Linkes Bein hinten, linkes Bein vorn. Dann rechter Arm, linker Arm, Rücken, dann Bauch, am Ende dann der Kopf und dann die Prozedur komplett wieder zurück. Da wird nicht lang drüber nachgedacht, da wird einfach geduscht. Eine Sache von nicht mehr als dreissig Sekunden. Das fällt mir auf, weil ich das ja genau so mache. Sonst wüsste ich auch nicht, daß ihm diese Bewegungen in Fleisch und Blut gegangen sind. Ich muss da ja auch nicht mehr drüber nachdenken. Genau so sieht es bei mir übrigens auch während des Abtrocknens aus. Das geht Zackzack! Ha!

Später, im Umkleideraum fällt mir auf, daß er auffallend zuvorkommend ist, als er seine Trainingstasche beiseite schiebt, um mir Platz zu machen, damit ich meinen Spint aufschliessen kann. Aus seinen Augen fällt dann ungelenk sein Alter. Anfang vierzig.
Ich erinnere mich an den Eindruck seines makellosen Körpers unter der Dusche und an meine Blicke, die nicht ohne Neid waren und sehe jetzt die Geschmacklosigkeiten moderner Textilindustrie an ihm. Tatsächlich! weiße Socken und unmögliche Hosen. Ob ihn seine sportlichen Aktivitäten dahin getrieben haben? Ein nervöser Blick streift seinen am Boden liegenden Schlüssel, den er offensichtlich für einen Moment verloren geglaubt hatte. Hastig und verschwitzt gelingt ihm ein halbes Lächeln in meine Richtung. Das ist ihm genug Abschiedsgruß (wir kennen uns ja nicht).
Ich bin froh: Ich habe Mitleid mit ihm.

-0/1/+1/TÜR


Zug verpasst. Dummerweise soll sich später herausstellen, daß die Platzreservierung von Nöten gewesen wäre, nun ja. So also heute wie sonst immer "ohne". Da ich ein halbes Tonstudio mit mir herum schleppe, entscheide ich mich in Hamburg- Dammtor, ein Monster von schwarzem Koffer mit mir herum ziehend, für den Aufzug. Vor ihm ungeduldig von einem Bein aufs nächste tippelnd zwei Mädchen, vielleicht sechs und sieben Jahre alt, zusammen mit ihrer Mutter auf die Ankunft des Panzerglaskäfigs wartend, hinter uns ein Fahrradfahrer, komplett in Campagnolo- Ausrüstung. Hautenge Hose und Oberteil in blau und gelb. Ein Farbklecks mitten im Bahnhof. Erstaunlich, daß sowas in dem ehedem schon bebunteten Innenleben der eigentlich nur aus Kaffe- und Lebensmittelverkaufsständen bestehenden Passage überhaupt möglich ist. Scheele Seitenblicke auf den Farbfetischisten wagend, erkenne ich eine Art Behinderung. Der ängstliche Blick, ein linkisches Verzerren des Mundes, vielleicht ist es auch das merkwürdig angewinkelte Bein, das scheinbar gewollt lässig auf einer Pedale seines Rennrades ruht, das irritiert. Mehr noch, man fragt sich, was so ein Rennfahrer, ausgerüstet um in zwanzig Grad Schieflage eine französische Kurve zu nehmen, denn in einem Bahnhof vor einem Aufzug macht. Genau das denken wohl auch zwei junge Türken, die gegenüber einen Dönerstand bewachen, beide mit nackten Unterarmen auf einer frisch geputzten Glastheke stützend. Unablässig grinsen sie zu dem immer unsicherer werdenden Sportler herüber und stoßen sich gegenseitig in die Rippen und raunen sich auf türkisch Gemeinheiten zu. 
Der Aufzug kommt. Langsam, betörend langsam schiebt sich der Glaskäfig aus dem Keller hoch in unsere Ebene. Eines der beiden Kinder hüpft vor Aufregung an der Hand ihrer Mutter, hinter dem Glas erscheint ein Glatzkopf, gefolgt von einer weißen Jacke, zweireihig geknöpft, ausgefüllt mit  hundert Kilo Kochpersonal. Der Glatzkopf, offensichtlich ungerührt des genau vor ihm auf- und abspringenden Mädchens blickt stur geradeaus, durch die blumig bestrumpften Beine der Kleinen hindurch und greift mit einer ähnlichen Langsamkeit wie der ihn tragende Aufzug selber hinter sich an das Gestänge eines bis oben hin mit undurchsichtigen Plastikbehältern beladenen Wagens. Synchron zu seinem jetzt plötzlichen Zugriff bleibt das Ding mit einem Satz stehen, die Landung erstaunlich holprig, nachdem der Anflug doch wie eine eindringliche, allzu eindringliche Vorführung von moderner Aufzugtechnik wirkte.
Ohne uns eine Blickes zu würdigen, zieht die weiße Jacke laut rumpelnd den Wagen hinter sich über die Schwelle, die beiden Kinder lösen sich kichernd und johlend von linker und rechter Hand ihrer Mutter, stürmen in den Innenraum zu den verheißungsvoll blinkenden, lächerlich überdimensional großen Knöpfen hin. Doch Mutti hält sie zurück, nicht ohne mir freundlich zuzuzwinkern, die lieben Kleinen, wollen auf die dicken Dinger drücken, doch der Herr muß ja auch noch mit. Der bunte Mann auf seinem Fahrrad muß sich wohl weiter zum Gespött der beiden Angestellten in der Dönerbude machen, denn der kleine Raum bietet zu wenig Platz für uns alle Vier. Ein wenig leid tut er mir schon, aber was muß er auch so viel optisches Aufheben um seine sportlichen Ambitionen machen. Selber Schuld.
Mit Schwung bringe ich das dicke Koffermonster vor dem Glas an der Rückseite zur Stellung und will gerade zu einem der Knöpfe greifen, da durchschneidet ein spitzer Schrei die Szenerie. Zwei große Kinderaugen starren entsetzt in die meinen, ein fast kräuselndes, zitterndes Kinn und eine Unterlippe, die gerade beginnt sich nach vorne hin zu verändern, eine Kinderhand greift hilfsuchend zur Mutter, die mir mit einem Verständnis erheischenden Lächeln und einem knappen Seitenblick auf ihre Tochter erklärt, daß die Kleine drücken will. Die dicken Knöpfe. Die so rot leuchten. Hübsch wie Weihnachtsverzierung. Natürlich, meinetwegen, habs nicht eilig. Ich könnte jetzt auch gut einen verständnisvollen Vater abgeben, so wie ich hier stehe, lächelnd - jaja, das kenn ich doch aus meiner Kindheit, da wollt ich auch die Knöpfchen drücken, im Aufzug, damals - in dem Hochhaus von Tante Kerstin. Ein wesentlich grösserer Spass, denn wir hatten da immerhin einundzwanzig Stockwerke. Und die Knöpfe waren mit Zahlen verziert, zwar schon ziemlich am abblättern, aber  die Zahlen waren zu erkennen. Ein Glück für mich damals, daß wir immer nur in den fünfzehnten Stock mussten. Höher kam ich nicht mit meinem Arm. Da hat es die Jugend von heute leichter, die haben dicke Weihnachtsknöpfe in rollstuhlgerechter Umgebung, Emergency-Stop- Atombombenexplosionsknöpfe zum ordentlich drauf Rumkloppen! Ha! Da soll noch einer behaupten, es würde in öffentlichen Räumen heutzutage nichts für spassigen Kinderspaß getan! Knöpfe! So groß wie Tennisbälle! Ha! Allerdings nur vier Stück.
Glückseeligen Kindergesichts holt die Kleine mit der flachen Hand weit in den engen Raum aus und haut so fest sie eben sechsjährig dazu imstande ist auf das rote Ding, unter dem in Helvetica- Condensed "BAHNSTEIG" geschrieben steht. Etwas beleidigt stiert ihre ältere Schwester zur Mutter hin, die ihr zuzischt, ohne ihr Lächeln von mir zu wenden: "Du bist nach unten dran!"

31. 3. 08


1. Als ich heute zum Bankautomaten ging, der sich im Vorraum zu den wenig vertrauenserweckenden, weil ziemlich verwarzten Kundenräumen der Bank befand, die Sicherheitstür mit einem lustigen Klickgeräusch aufstossend, kam mir ein Mann mit hängendem Kopf entgegen. Auf dem Display des offensichtlich vorher von ihm benutzten Terminals prangte die Nachricht "Ihre Kundenkarte wurde aus Sicherheitsgründen eingezogen, bitte wenden Sie sich umgehend an ihre Bank". Aus Angst, daß mir Ähnliches widerfahren könnte, wartete ich nicht darauf, daß die grauenhafte Schrift erlosch, sondern stellte mich in die Warteschlange vor einen benachbarten Automaten, vor dem bereits fünf Wortlose standen, die sich ebenfalls nicht trauten das eben frei gewordende Terminal zu beanspruchen. Auf ihm lastete offensichtlich ein Fluch.


2. Die Galauschlürfer auf der Zeisestrasse wurden aus ihren Gesprächen gerissen, die ganz sicher etwas mit einem arte- Filmprojekt, oder einer Werbekampagne zu tun hatten, wenn man die Gestik und den Klang ihres affektierten Gehabes richtig deuten konnte, als ein ca sechzigjähriger Mann mit schulterlangem, grauen Haar, das er sich mit einem nur noch wenig Zähne tragenden Kamm in den speckigen Nacken ordnete, laut und besoffen seine Meinung kund tat: "Scheiß auf Pauli, HSV ist groß". Das wiederholte er ein paar Mal und gab dann, offensichtlich sehr ungehalten, imaginäre Spielstände zum Besten.

Superfuzz Bigmuff

Auf dem Hinterhof schallt es wieder. Schreie der Begeisterung, die, ausgestoßen während einer energisch ausgeführten körperlichen Bewegung, von einem Willen nach Gesundheit zeugen. 
Uhs und Ahs. Weibliche Stimmen breiten sich ungehemmt aus. Dazwischen ruft eine männliche, Befehle würgende. Die Berufschule, die an das Grundstück grenzt, auf dem das Haus steht in dem ich wohne, beherbergt offensichtlich am Wochenende Fitness- Kurse, in denen alles erlaubt ist. Ich sehe sie deutlich vor mir: die jungen Mädchen mit ihren knackigen Ärschen, hochbesorgt um die Knackigkeit ihres Arsches und die nur mit größter Aufmerksamkeit zu bemerkenden schlaffen Stellen an ihren Oberschenkeln. Sie wissen nicht, was sie diesen Hautbereichen zu verdanken haben. Immer wenn es wieder mal in ihrem Leben ein emotionales Problem gibt, werden diese Stellen dafür verantwortlich gemacht. Der klärende Dialog ist ihnen fremd, sie brüllen ihre Gefühle heraus, im Rahmen eines Fitness-Kurses am Wochenende in der Berufschule, die an dem Grundstück angrenzt, auf dem das Haus steht in dem Ich wohne, bereit Alles zu tun um sich als Mitglied einer Gesellschaft von sexualobjekthaften Wesen zu designen. Meine Müdigkeit ist größer als diese geballte Dummheit der Fitnesswilligen. Sonst würde ich über den Hof gehen und sie alle nacheinander hinwegfegen mit meiner eigenen Stimme. Einer Stimme, die an das Feedbackgewitter eines Superfuzz Bigmuff erinnern würde und sie, die noch nie von diesem Gerät gehört hätten, geschweige denn dieses Gerät gehört hätten, würden mit einer Wendung ins Schamhafte einknicken und sich zu Boden werfen wie rostige Klappstühle am Ende eines sonnigen Tages am Rhein. Ja, Sie würden sich für ihre haltlose Dummheit entschuldigen und zu besseren Menschen werden. Wahrscheinlich.